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TIP - Tageblatt am Sonntag - 11. August 2019
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Wo ein Franzose Plattschnacken lernt
Plattdeutsche Serie Haselauer Reepschläger halten eine landwirtschaftliche Tradition am Leben und führen historisches Handwerk auf Veranstlatungen vor
Waltraut Hinz-Hass
HASELAU

Sie schnacken traditionell Plattdüütsch miteinander und sie halten für die Nachwelt ein altes Handwerk hoch: die Haselauer Reepschläger. Wenn sie unterwegs sind und den Menschen auf Veranstaltungen vorführen, wie das mit dem Seildrehen funktioniert, reibt sich jedoch manch ein Zuschauer verwundert die Augen: Wirkt der eine Reepschläger nicht etwas südländisch und klingt in seinem Platt nicht irgendwie ein Akzent mit? In der Tat. „Das ist mein Schwiegersohn Michaël Constantin und er kommt aus Südfrankreich“, verrät Chef-Reepschläger Ernst Semmelmann dann amüsiert und stellt auch gleich noch dessen siebenjährige Tochter Maya, seine Enkelin, vor: „ Und das ist unser jüngstes Reepschläger-Mitglied.“

Als der französische Airbus-Mitarbeiter Constantin vor zehn Jahren von Toulouse nach Hamburg kam, hätte er sich nicht träumen lassen, dass Deutschland seine neue Heimat werden würde, von Plattdeutschkenntnissen ganz zu schweigen. Doch dann lernte er Semmelmanns Tochter kennen und lieben. Das Paar wurde in Uetersen sesshaft und es dauerte nicht lange, bis Ernst Semmelmann seinen Schwiegersohn und seine Enkelin mit dem Reepschläger-Virus infiziert hatte. „Ich interessiere mich für Historisches, auch aus der deutschen Kultur“, erzählt der vierzigjährige Michaël. Das Haselauer Museum, vor allem die Reepschlägergruppe samt plattdeutscher Sprache, habe ihn sofort begeistert. „Hier erlebt man Geschichte zum Anfassen“, begründet er. Die 2013 ins Leben gerufene Reepschlägergruppe gehört zu dem 1998 von Ernst Semmelmann mitbegründeten Verein Historische Sammlung Haselau. Die Vereinsmitglieder unter Vorsitz von Rolf Herrmann haben es sich zur Aufgabe gemacht, anhand historischer Gegenstände zu zeigen, wie die Menschen in der Marsch früher gearbeitet und gelebt haben. Die zahlreichen Exponate sind in ihrem liebevoll gepflegten Museum im alten „Sprüttenhus“ und der Durchfahrt der einstigen Gaststätte Wüstenberg zu bewundern. Typische Berufe, in die der Besucher Einblick erhält, sind zum Beispiel der des Schusters, des Korbmachers, des Bandreißers und der des Reepschlägers.

Die Reepschlägerei, das alte Handwerk des Seildrehens, das bis ins Mittelalter zurückverfolgt werden kann, hat in Haselau seinen Ursprung in der Landwirtschaft. „In der arbeitsärmeren Winterzeit drehten die Bauern Tauwerk für ihr Vieh und ihre Erntewagen. Dazu verwendeten sie die Bänder, mit denen Strohbündel zusammengehalten worden waren“, berichtet Semmelmann. Von den hölzernen Seilmaschinen, die die Bauern zum Schlagen des Reeps benutzten, verfügt der Verein über einige mehr als 100 Jahre alten Exemplare. Die Bedienung, bei der aus vier von einem Leitholz geführten Aufspannbändern ein Seil gedreht wird, beherrschen Semmelmann und Reepschlägermitglied Jonny Carstens von Kindesbeinen an. „Wir haben auf den Höfen geholfen und uns mit dem Reepschlagen Taschengeld verdient“, erinnert sich Carstens. Ihr Wissen haben sie gemeinsam mit Ex-Landwirten an andere interessierte Vereinsmitglieder weitergegeben. „Wenn es dabei um Knoten, Spleißen oder das Einarbeiten von Augen geht, ist Michaël inzwischen unser bester Mann“, bekundet Semmelmann stolz. historische-sammlung.de